Rückkehr der Muse

Welch Säuseln in der Linde Blätterdach?
Was stäubt zu mir herab wie Blütenregen
Und füllt mit Glanz und Düften mein Gemach
Und treibt die Pulse mir zu schnellern Schlägen,
Als kehrte neu der ersten Liebe Glück
In dieses winteröde Herz zurück?

Du bist’s! Dich grüßt mit Freudenzährenschimmer
Mein Auge, lang der Thränen schon entwöhnt;
In meines Lebens tiefzerfallne Trümmer
Trittst du noch einmal lächelnd und versöhnt,
Du Einzige, die Treue mir bewahrt
Auf dieser wechselvollen Erdenfahrt!

Wie nenn‘ ich dich, die du die hohen Bahnen
Dort oben neugebornen Sonnen zeigst
Und in der Kinderseele stilles Ahnen
Und in des Jünglings Traum herniedersteigst?
Früh hab‘ ich dich gekannt, o Heilig-Große!
Und spielte, wie der Mutter, dir im Schoße.

So mild sahst du mich an, so wundersam!
Aus deiner Augen himmlisch blauer Reine
Umstrahlte noch mit morgenrotem Scheine
Mich die Unendlichkeit, aus der ich kam,
Und Himmelslieder sangst du mir – o nie
Verklingen wird mir ihre Melodie!

Oft, wenn ich einsam klomm auf Bergeshöhn
Und mir vom Haupte troff des Frühlings Regen,
In Waldesstille tratst du mir entgegen
Und neigtest mir dein Antlitz, göttlich schön,
Und in der Grotte auf das Moos gesunken
Lag ich, dir lauschend, still und wonnetrunken.

Und wer, o Freundin, nach der dunklen Stunde,
Als ich, in sternenlose Nacht verirrt,
Den letzten Odem sog von jenem Munde,
Gleich dem mir keiner wieder lächeln wird:
Wer war’s, der aus des Abgrunds Finsternis,
Von Grab und Tod empor die Seele riß?

Du, Herrliche! Da alles vom Geschicke,
Was in der Sterblichkeit mir teuer war,
Geraubt mir worden, zeigtest du dem Blicke
Die ew’ge Welt, wo immer hell und klar
Die heil’ge Flamme lodert auf dem Herde,
Die nur gebrochen dämmert dieser Erde.

Sie ahnen wir, wenn Dantes Traumgesicht
Ins Paradies uns trägt auf Strahlenwogen,
Wenn Tizian zum Farbenregenbogen
Den Glanz der großen Geistersonne bricht,
Wenn unter Phidias‘ Hand, von ihr durchglüht,
Der Marmorblock zum Götterbild erblüht.

Wie Sonnenschein den Frost des Winters, brach
Ihr Strahl das Eis in meines Busens Tiefen;
Laut wieder ward es drinnen, Geister riefen
In trunkner Werdelust einander wach
Und jubelten, indes sich im Gesang
Das Lied geflügelt aus der Seele rang.

Und in die großen Arme der Natur
Legtest du mich und öffnetest die Lippen
Der Schweigenden, daß sie in Wald und Flur,
Auf Bergeshöhen und an Uferklippen
Mir Tröstung sprach und ihre Wonneschauer
Sanft lispeln ließ in meines Herzens Trauer.

O Göttliche, und dich im Menschenschwarm,
Der wild und immer wilder mich umkreiste,
Dich konnt‘ ich lassen? Einsam, freudenarm,
Wie ohne dich ertrug es der Verwaiste?
Doch sieh! du kehrst zurück, und ewig soll
Mein Leben dir gehören ganz und voll.

Bring meine Thränen mir und mein Entzücken,
Der schlummerlosen Nächte bleiche Qual,
Einsame Schmerzen, welche mehr beglücken
Als alle Lust im lauten Freudensaal,
Und meine wachen Träume, meine Lieder –
Nichts sonst begehr‘ ich – Muse, bring mir wieder!

Hinaus! Im Frühlingssturme braust der Wald,
In tausendstimm’gem Leben jauchzt die Erde;
Ich höre, wie der große Ruf des Werde
Durch Thal und Flur und Berg und Abgrund hallt;
Die Harfe rauscht, und in dem mächt’gen Wehen
Fühl‘ ich auch meine Seele auferstehen.

Adolf Friedrich von Schack

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